Georgien · Morgendämmerung
Not all dreams let you sleep
Eine Geschichte über einen Geburtstag, ein Sofa und einen Mann, der nicht zurückkam
Bevor Du blätterst
Vielleicht kennst Du mich noch aus der Zeit, als ich ein „normales“ Leben führte. Vielleicht bist Du mir unterwegs begegnet. Oder wir laufen uns erst noch über den Weg — wer weiß das schon.
Wenn Du mich kennst, oder meinst, mich zu kennen: Was Du bisher von mir gesehen hast, ist nicht falsch. Es ist nur nicht alles. Du kannst die alten Einträge auf dieser Seite lesen, die Videos ansehen, die Musik von unterwegs hören — Du wirst darin wenig von dem Frank finden, der Dir das hier gerade schreibt.
Diesen Frank gibt es noch nicht lange. Ich kann Dir sogar das Datum nennen:
Wer Dir hier schreibt
Es gibt Tage, die später so tun, als hätten sie von Anfang an eine Bedeutung gehabt. Der 8. März 2022 war keiner davon. Jedenfalls nicht am Anfang.
Es war mein Geburtstag, und ich saß auf einem Sofa. Es war diese Art von Möbelhaus-Standard-Sofa, das unbequem aussieht, bis man darauf liegt und langsam wegdämmert. Dann wundert man sich, wie ein grauer Klotz so freundlich sein kann.
Der Frank, der ich damals war, war Reporter bei einer hiesigen Zeitung. Er hatte einen wohlverdienten freien Tag. Er wollte von Reportagen, Redaktionsarbeit und den kleinen Dramen anderer Leute ausspannen. Er liebte seine Kamera. Und er liebte die angenehme Illusion, dass ein Mensch sicherer ist, wenn er beobachtet, statt beteiligt zu sein.
Das hatte ihn jahrelang durchs Leben gebracht. Er hatte alles so eingerichtet, dass ihm nichts zu nahe kam: ein Beruf, der ihn in alles hineinsehen und nirgends bleiben ließ, und eine Kamera, die er zwischen sich und den Rest der Welt halten konnte. Das funktionierte.
Obwohl er tief in seinem Inneren wusste, dass nichts in Ordnung war. Warum, wusste er nicht. Das hatte er vergessen. Trotzdem hätte er Dir an jenem Morgen gesagt, dass er genau wisse, wie sein Leben gebaut war, und dass er es genauso weiterleben wolle.
Was dann an jenem Nachmittag auf diesem Sofa geschah, schreibe ich hier nicht auf. Nicht, weil es besonders geheim wäre. Sondern weil sonst Menschen in dieser Geschichte vorkämen, die nicht darum gebeten haben.
Ich schreibe nur, dass der Frank von damals — in dem Augenblick, als er verstand, dass sich nichts ändern würde — zum ersten Mal dachte und vollständig meinte:
Das wird niemals besser
Ich muss hier weg
Vielleicht kennst Du diesen Gedanken. Dann weißt Du, dass man ihn nicht ausspricht. Man stellt nur fest, dass er da ist.
Wenn nicht, kann ich ihn Dir nicht erklären.
Zweieinhalb Monate später saß der Reporter in seinem Auto auf der Autobahn, Richtung Walhalla, mit dem Ziel Indien. Er hatte der Frau, mit der er damals zusammenlebte, gesagt, dass er in sechs Wochen zurück sein würde.
Rein rechnerisch ging das.
Eine Zeit lang hatte ich das selbst geglaubt.
Was bleibt
Die sechs Wochen vergingen, und ich war gerade einmal bis nach Bosnien gekommen. Dann vergingen die nächsten. Irgendwann hörte ich auf zu zählen.
Ich fuhr weiter, und jeden Tag hatte ich ein bisschen weniger vor, wieder umzudrehen — bis ich es eines Tages gar nicht mehr vorhatte.
Und so wurde aus der Illusion, in sechs Wochen zurück zu sein, langsam das, was ich heute mein Leben nenne.
Einfacher wurde es nicht. Leichter schon — weil ich in meinem Inneren aufgeräumt habe.
Ob das gut ausgeht, weiß ich nicht.
Wer weiß das schon.
Irgendwie weiß ich, dass es das wird.
Und wenn nicht: Hey, warum auch nicht?
Was wirklich zählt, lässt sich eh nicht messen.
Und genau das will ich.
Frank Goes Walkabout