Dem Bewerter geht das Material aus
Neunundzwanzigster Tag, Albanien. Die Fahrt von Durrës an den Ohridsee hat mich wieder Überwindung gekostet, weil die meisten Aufträge, die ich für unterwegs hatte, sich in Luft aufgelöst haben. Einer kann nicht zahlen. Einer ist aus privaten Gründen ausgestiegen. Einer wartet auf einen Start, den er lange vor mir geplant hat.
Das gehört dazu. Ich bin losgefahren, um über mich hinauszuwachsen und ins Vertrauen zu kommen. Auf der Fahrt sage ich es mir immer wieder auf, wie einer, der eine Sprache lernt: Ich bin im Vertrauen. Das Leben trägt mich.
Und irgendwo unterwegs stelle ich mit einiger Genugtuung fest, dass der laufende Kommentar in meinem Hinterkopf aufgehört hat.
Aufgefallen sind mir diese Gedanken zuerst in Durrës — durch ihre Abwesenheit. Ich habe ihnen einen Namen gegeben. Der Bewerter.
Der Bewerter ist normalerweise damit beschäftigt, alles zu kommentieren, was ich sehe, höre und mache. In seinen Arbeitstagen klang das so: Guck Dir den mal an. Was für eine komische Brille. — Hast Du gemerkt, wie arrogant die war? — Meinst Du wirklich, Du warst nett genug? — Was soll bloß werden?
Jetzt stottert er. Er hebt den Zeigefinger, setzt an, macht äh, öh, hm und hört auf.
Ihm fehlen die Bezugsrahmen. Was hat die Person da gerade auf Albanisch gesagt? Keine Ahnung. War das unhöflich oder freundlich? Könnte ich nicht sagen.
Es stellt sich heraus, dass er nie besonders klug war. Er war nur gut informiert.
Frank Goes Walkabout