Die Chronik Georgiens
Zweihundertachtzigster Tag, Georgien. Als ich in Deutschland lebte, war ich stolz darauf zu wissen, wie die Welt funktioniert. Die Reichen beuten die Armen aus. Früher war alles besser. Was man mir sagt, wird schon stimmen.
Es stimmt doch, oder.
Die Wahrheit ist, dass ich nichts über das Leben weiß. Je weiter ich reise, innerlich wie äußerlich, desto weniger von der Welt verstehe ich, und ich halte das inzwischen für die richtige Richtung. Nichtwissen lässt die Tür offen. Ich lerne, was die Dinge sind, statt was sie sein sollen, und ich finde immer wieder Eigenschaften an mir, von denen ich nicht wusste, dass sie vorrätig sind.
Also richte ich die Aufmerksamkeit nach innen, denn die Welt da draußen ist widersprüchlich, wunderlich und nicht bei Verstand.
Jedenfalls die Welt, die ich zu sehen glaube. Was etwas mit mir zu tun haben könnte.
Nimm die Chronik Georgiens. Wikipedia sagt, ein verrückter Künstler namens Zurab Tsereteli habe sie in einem einzigen Jahr gebaut. Sechzehn Bronzesäulen, fünfunddreißig Meter hoch, vor denen ein Mensch sich wie eine Ameise fühlt.
In einem Jahr. Mehr oder weniger allein.
Ich stehe unten davor und merke, dass meine erste Reaktion ist, zu suchen, wer hier lügt.
Frank Goes Walkabout