Anil kauft mir eine Limonade
Siebenundfünfzigster Tag, Bulgarien. „Welches ist der schönste Ort im Dorf?“, frage ich Anil.
Den Zehnjährigen, seinen Bruder und seinen Großvater habe ich vor einer halben Stunde auf dem Dorfplatz von Popovets kennengelernt, Provinz Haskovo, Südbulgarien. Wir sind mit Händen und Füßen ins Gespräch gekommen. Anil kann etwas Englisch.
Er führt mich aus dem Dorf auf eine Anhöhe, zu einer in Stein gefassten Quelle. Eine Kuh grast an der Böschung. Seine Eltern haben auf dem Hügel einen Garten. Heute werde ich seine Familie kennenlernen.
Anil führt mich durchs Dorf. Alte Männer und Frauen winken uns zu. In dem einen Laden an der Hauptstraße kauft er mir eine Limonade. Er lehnt mein Geld ab und überreicht mir die kalte Flasche mit einer gewissen Feierlichkeit.
Dieser Junge und seine Familie haben mein Weltbild an einem Nachmittag umgedreht.
Ich bin mein Leben lang davon ausgegangen, dass man für alles, was man bekommt, eine Gegenleistung erbringen muss. Anil gibt, weil er geben will. Seine Familie auch. Bei ihm zu Hause bekomme ich Kaffee. Seine Mutter bringt Bonbons und Schokolade, während seine Großmutter in einem Plastikbottich auf dem Boden Geschirr wäscht.
Nach westlichem Maß ist diese Familie arm.
Mir hat noch nie jemand etwas gegeben, an dem so wenig Rechnung hing.
Frank Goes Walkabout