Winnetou-Land

Zwölfter Tag, Kroatien. Pian del Cansiglio blieb still, die Wolken blieben liegen, die Sterne habe ich nie bekommen. Bekommen habe ich zwei Tage, an denen es nichts zu tun gab außer in der eigenen Gesellschaft zu sitzen. Ein paar Wanderer parkten auf dem Picknickplatz, sortierten ihre Rucksäcke und gingen den Berg hoch.

Es dringt langsam durch, dass das hier funktionieren könnte. „Angst ist wie eine Kette, die Dich fesselt“, hatte Manoel gesagt. „Stell sie einfach zur Seite und lass sie da, wo sie ist.“ Genau das mache ich, und das Merkwürdige ist, wie gut es hält.

Was vor ein paar Wochen wie ein unbesteigbarer Berg aussah, wird kleiner, je näher ich komme, obwohl noch Tausende Kilometer davor liegen und jeder einzelne davon schiefgehen kann.

Später Nachmittag, dreihundert Kilometer Norditalien, Slowenien und Kroatien hinter mir. Oben in den kroatischen Bergen komme ich an einem Schild vorbei, auf dem Winnetou steht, und mir fällt ein, dass sie hier die Karl-May-Filme gedreht haben. Es sieht auch danach aus: Mischwald auf hartem, gebrochenem Fels, Seen in einem Türkis, das einem auf einem Foto niemand glauben würde.

Ich komme in der Old Mom's Lodge in Mrzla Vodica bei Lokve an. Ferdinand, dem sie gehört, hat kleine Pyramiden aus Holz gebaut, und in einer davon soll ich heute Nacht schlafen. Seine Frau Antonia macht Suppe mit Kartoffeln, Karotten und Fleisch, und sie ist sehr gut.

Am Tisch treffe ich Emma und Hugo aus Frankreich, auf einem Roadtrip durch Europa, und wir reden, bis die Nacht aufgebraucht ist.

Man sagt, die Menschen um einen herum seien ein Spiegel dessen, was man ist. Stefan, Manoel, Julian, Gernot, Emma, Hugo, Ferdinand, Antonia. Wenn das stimmt, stehe ich besser da, als ich dachte.